Dunkle digitale Szenerie zu Verzerrte Wahrheit

Leseprobe · Vorspann und Kapitel 1

Verzerrte
Wahrheit

Der vollständige Einstieg in die erste Akte der Wahrheit-Reihe.

← Zurück zu Band 1Lesezeit etwa 15 Minuten

»Was ein Mythos niemals enthält, ist die kritische Kraft, seine Wahrheit von seinen Irrtümern zu trennen.«

Walter Lippmann

Vorspann

Die Stimme aus der Dunkelheit

Ich habe nie verstanden, warum Menschen so blind und schwach sind. Sie stolpern durch ihr Leben, gefangen in einem Netz aus Regeln und Illusionen, das sie selbst gesponnen haben.

Schon früh erkannte ich, dass diese Welt nicht für Menschen wie mich gemacht ist – Menschen, die mehr sehen, die mehr verstehen, die bereit sind, das zu nehmen, was ihnen zusteht.

Sie sprechen immer von Disziplin, von harter Arbeit und vom »Verdienen«. Sie glauben, dass man sich Respekt und Erfolg erarbeiten müsse. Narren! Die nicht begreifen können, dass die wahre Macht nicht in der Arbeit liegt, sondern in der Kontrolle! In der Fähigkeit, die Schwächen der anderen zu erkennen und sie für die eigenen Ziele zu nutzen.

Vielleicht ist es diese Klarheit, diese Kälte, die mich stark gemacht hat. Das Wissen, dass Liebe und Verständnis nichts weiter sind als Werkzeuge, die man benutzen kann, um seine Ziele zu erreichen.

Denn das ist die Wahrheit:

Jeder Mensch ist ein Mittel zum Zweck.

Es gibt Momente, in denen du erkennst, dass die Dunkelheit stärker ist als du. Was passiert, wenn die Dunkelheit, die du beherrschen willst, dich beherrscht?

Diese Frage habe ich mir nie gestellt – bis es zu spät war. Denn egal, wie stark du bist, wie klug oder vorsichtig:

Es gibt Momente, in denen du erkennen musst, dass du nur eine Spielfigur in einem größeren Spiel bist.

In der Dunkelheit gibt es keine Regeln, keine Gnade. Sie stellt keine Fragen, sie gibt keine Antworten. Sie nimmt alles, was du bist, und lässt nur das zurück, was du fürchtest. Ich habe es selbst erlebt. In der Dunkelheit siehst du, wie schnell alles, was du bist, verschwinden kann.

Diese Geschichte ist keine einfache Erzählung von Leid und Erlösung. Sie beginnt dort, wo andere scheitern – in der Dunkelheit.

Es ist die Wahrheit, wie ich sie sehe, wie ich sie gestaltet habe. Und sie beginnt genau dort, wo alles begann. Dort habe ich zum ersten Mal verstanden, was es bedeutet, alles zu verlieren – und alles zu gewinnen.

Vielleicht wirst du denken, dass du verstehst, was hier geschieht. Aber die Dunkelheit hat viele Gesichter, und nicht alle sind so offensichtlich, wie sie scheinen. Jedes Licht wirft Schatten, und manchmal ist es dieser Schatten, der die Wahrheit verbirgt.

Also frage ich dich:

Was wirst du sehen, wenn das Licht erlischt?

Kapitel 1

In den Fängen der Dunkelheit

Die Luft in diesem Raum ist so schwer, dass sie sich wie eine unsichtbare Last auf meine Brust legt, jede Bewegung, jeder Atemzug ist mühsam. Der modrige Geruch von feuchtem, verrottetem Holz und abgestandener Luft beißt in meiner Nase und zwingt mich, flach zu atmen. Es ist, als würde dieser Gestank wie giftiger Schleier meine Lungen füllen und mich von innen heraus zersetzen.

Meine Hände sind hinter meinem Rücken an den Stuhl gefesselt, die groben Seile schneiden in die Haut meiner Handgelenke und lassen meine Finger langsam taub werden. Jeder kleinste Versuch, mich zu bewegen, schickt Schmerzwellen durch meine Arme, die sich wie heiße Drähte durch meinen Körper ziehen. Die Panik droht mich zu überwältigen, doch ich kämpfe verzweifelt dagegen an.

Jetzt nicht. Nicht in diesem Moment.

Die Dunkelheit ist allumfassend, und meine Augen haben längst aufgegeben, nach irgendeinem Licht zu suchen. Sie finden nichts.

Kein Anhaltspunkt, keine Orientierung.

Es ist, als wäre ich in einem schwarzen Loch gefangen, ohne Anfang und ohne Ende. Die Stille, nur durchbrochen von meinem eigenen Herzschlag und dem leisen tropfen von Wasser irgendwo in der Ferne, verstärkt das Gefühl der Isolation. Es ist, als ob die Zeit selbst hier keinen Einfluss mehr hat, dehnt sich endlos aus, während ich warte – auf was genau, weiß ich nicht.

Meine Gedanken rasen, springen von einem Punkt zum nächsten, ohne sich festzuhalten. Ich spüre, wie meine Hände leicht zittern, nicht nur vor Angst, sondern auch vor dem Unwissen, was als Nächstes kommen wird. Bilder und Erinnerungen flackern vor meinem inneren Auge auf, doch sie sind verschwommen, ungreifbar wie Nebel, der in der Dunkelheit verloren geht.

In einem verzweifelten Versuch klammere ich mich an diese flüchtigen Erinnerungen, versuche, einen klaren Gedanken zu fassen, doch es ist, als würde mir alles durch die Finger gleiten. Die Zeit scheint stillzustehen, dehnt sich endlos in der Finsternis, während ich warte.

Dann, ganz plötzlich, durchbricht ein Geräusch die erdrückende Stille.

Schritte.

Sie hallen durch den Raum, schwer und gleichmäßig, wie das unaufhaltsame Ticken einer Uhr. Meine Muskeln spannen sich an, mein Atem wird flacher.

Die Tür öffnet sich mit einem langsamen, quälenden Quietschen, und ein greller Lichtstrahl dringt in den Raum, schneidet durch die Dunkelheit und trifft mein Gesicht.

Ich blinzele, die plötzliche Helligkeit schmerzt in meinen Augen, und ich drehe den Kopf zur Seite, weg von dem Licht. Aber bevor ich reagieren kann, packt eine Hand grob mein Haar und zwingt meinen Kopf nach oben.

»Sieh mich an!« Die Stimme ist tief, verzerrt und unmenschlich, als käme sie aus einer Maschine. Sie lässt keinen Raum für Widerstand. Meine Augen tränen, doch ich zwinge mich, in das Licht zu schauen.

Die Silhouette einer Gestalt tritt aus dem blendenden Schein hervor, groß und bedrohlich. Ich kann nicht viel erkennen, nur den Umriss, und das Glänzen von etwas Metallischem in ihrer Hand – eine Pistole.

Mein Atem stockt.

Es ist eine Makarov PM, ein syrisches Modell, alt, aber tödlich. Das Schwarz des Metalls ist stumpf, doch die Kanten sind scharf. Ein solches Stück sieht man nicht oft – sie hat eine Geschichte, das ist klar. Eine Geschichte, die mit Gewalt und Schmerz geschrieben wurde. Der Anblick der Waffe lässt mir das Blut in den Adern gefrieren, und ich spüre, wie die Panik, die ich so verzweifelt unterdrückt habe, erneut in mir aufsteigt.

»Sag es!« Die Stimme ist eisig, dringt direkt in meinen Kopf. Ich zögere, aber nur für einen kurzen Moment. Ich muss sprechen. Sie dürfen nicht denken, dass ich widerstehe.

»Bitte …«, meine Stimme ist ein Flüstern, kaum mehr als ein Hauch, die ganze Situation ist surreal. »Ich … ich brauche Hilfe. Sie verlangen Geld … viel Geld. Wenn es nicht bezahlt wird … dann …«

Ich stocke.

Tränen laufen über meine Wangen.

Die Kamera, die auf mich gerichtet ist, bleibt regungslos, als wäre sie das Auge eines Raubtiers, das seine Beute beobachtet.

Mein Herz schlägt wie ein Vorschlaghammer in meiner Brust, doch ich kämpfe darum, ruhig zu bleiben. »Ich flehe euch an, helft mir! Ich will hier nicht sterben!«

Ein Klicken.

Ich kenne dieses Geräusch – die Pistole wird entsichert. Kaltes Metall drückt sich plötzlich unter mein Kinn, zwingt mich, den Kopf weiter nach oben zu neigen, zwingt mich in das emotionslose Kameraauge zu blicken.

Ich spüre die Kälte der Waffe, die wie Eis meine Haut berührt. Die Kälte sticht wie eine Rasierklinge. Sie breitet sich wie ein Strom aus und durchzieht meinen ganzen Körper.

»Sag es!«, befiehlt die Stimme, ruhig und kontrolliert.

»Bitte … ich … ich werde alles tun, was ihr wollt.« Ich blicke direkt in die Kamera und suche Hilfe in den Augen des Betrachters des Videos. »Bitte, helft mir … ich kann das nicht … ich kann das nicht länger ertragen.«

Meine Worte sind zittrig, und ich spüre, wie meine Kehle trocken wird, wie die Panik versucht, die Kontrolle zu übernehmen. Tränen laufen nun in Strömen über meine Wangen, echte Tränen, geboren aus der Angst und der Verzweiflung dieses Moments.

Es ist, als würde ich mich selbst von außen betrachten, gefangen in einem Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt.

Die Gestalt beugt sich vor, und ich spüre ihren heißen, feuchten Atem auf meiner Wange, ein widerlicher Hauch, der nach abgestandener Zigarette und billigem Alkohol riecht. Ein Zittern durchläuft meinen Körper, doch ich bin machtlos.

»Gut …«, sagt die Stimme, jetzt leiser, doch umso bedrohlicher. Der Hauch von Zufriedenheit in ihren Worten lässt einen kalten Schauer über meinen Rücken laufen.

»Aber, dass erst Anfang …«, fügt sie hinzu, mit einer fast genüsslichen Langsamkeit. »… Es gibt viel mehr, was du durchmachen.«

Die Worte hallen in meinem Kopf wider, bohren sich wie Nadeln in mein Bewusstsein, und ich weiß, dass jede Sekunde hier ein weiterer Schritt in Richtung meines unausweichlichen Untergangs ist.

Ein Schauer läuft über meinen Rücken, und ich kann das Zittern in meinen Beinen nicht unterdrücken.

Was meinen sie damit?

Wie weit werden sie gehen?

Der Gedanke, dass dies alles nur ein Vorgeschmack ist, lässt meine Nerven vibrieren. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich das noch ertragen kann.

Die Pistole wird langsam von meinem Kinn entfernt, doch die Erleichterung, die ich spüre, ist nur von kurzer Dauer. Die Kamera bleibt auf mich gerichtet, und ich weiß, dass jede Sekunde dieses Albtraums festgehalten wird.

Die Stimme spricht wieder, diesmal fast beiläufig: »Noch letzte Worte für jetzt?«

Mein Mund öffnet sich, aber kein Ton kommt heraus. Meine Gedanken rasen, doch ich finde keine Antwort.

Ich schüttle kaum merklich meinen Kopf.

Plötzlich, ohne Vorwarnung, trifft mich ein harter Schlag an der Schläfe. Die Wucht des Schlags trifft mich mit der Kraft eines Vorschlaghammers.

Schmerz durchzuckt meinen Schädel.

Ein greller Blitz, der meine Welt in zwei Hälften spaltet.

Für einen schrecklichen Moment bin ich mir nicht sicher, ob mein Schädel nicht einfach zerborsten ist, so intensiv ist der Aufprall.

Das warme Blut, das über meine Wange läuft, hinterlässt eine feuchte, klebrige Spur. Die Dunkelheit kehrt zurück, diesmal noch tiefer und alles verschlingend. Mein Bewusstsein schwindet, und das Letzte, was ich fühle, ist die Kälte des Bodens, der mich in die Tiefe zieht.